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Allianz Bild Die Deutschen sind sehr vertrauensgesteuert

Unternehmer-Risiken

 

„Die Deutschen sind sehr vertrauensgesteuert“

Skandale um große Autobauer ziehen weltweite Kreise. Doch es sind nicht nur die Großen, die immer am Pranger stehen. Viele mittelständische Unternehmen ignorieren ihre Risiken. Rechtsanwalt Jesko Trahms von der Mütze Korsch Rechtsanwaltsgesellschaft mbH empfiehlt einen Mentalitätswandel.

Die Medien haben sich in den VW-Skandal fest verbissen, der gute Ruf des Autobauers ist schwer ramponiert. Können sich mittelständische Unternehmen da in Sicherheit wähnen, nach der Devise: Wie gut, dass sich für mich keiner interessiert?
 
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Rechtsanwalt Jesko Trahms: „Im Geschäftsumfeld hat jeder einen Ruf zu verlieren.“

Viele glauben, sie seien unverletzlich, weil sie zu klein sind. Aber im Geschäftsumfeld hat jeder einen Ruf zu verlieren. Ein kleiner Betrieb, der nur in der Lokalpresse genannt wird, sei es auch nur im Zusammenhang mit einem Schadenersatzprozess, findet sich ebenfalls ganz schnell im Internet wieder. Und jeder, der die Firma googelt, wird auf ihn stoßen. Das Internet vergisst ja bekanntlich nichts. Für mögliche Auftraggeber kommt so ein Betrieb vermutlich nicht mehr in Frage.

Woran liegt das?
 

Große Firmen beginnen damit, sich die Unternehmen, mit denen sie zusammenarbeiten möchten, sehr genau anzusehen. Das ist der sogenannte Business Partner Check. Es gibt bereits Programme, in die man etwa die Suchbegriffe Firma Mustermann und Korruption oder Schadenersatz eingibt und gezielt das Internet danach durchsucht. Taucht bei der Recherche auch nur der Verdacht auf ein Vergehen auf, wird der Auftrag anderweitig vergeben. Die Zeit, etwas nachzuprüfen oder gar das Gespräch mit der betroffenen Firma zu suchen, nimmt sich keiner. Da geht man gleich zur Konkurrenz.

Fälle wie Siemens haben aber auch gezeigt, dass sich Unternehmen von Imageschäden erholen können ...
 

Sicher, große Unternehmen wie Siemens oder VW werden von solchen Ereignissen zwar beschädigt, aber nicht zerstört. Die besitzen meist ein Alleinstellungsmerkmal, das sie am Markt nahezu unersetzbar macht. Ein mittelständisches Unternehmen hingegen ist fast immer austauschbar und wird einfach zukünftig nicht mehr berücksichtigt.

Wie kommt es, dass die meisten Unternehmer ihr eigenes Risiko eher gering einschätzen?
 
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Auch Geschäftsverhal- ten, das seit vielen Jahren Usus ist, sollte überprüft werden, rät Trahms.

Die Bereitschaft, sich mit rechtlichen Risiken präventiv auseinanderzusetzen und die eigenen Geschäftspraktiken kritisch zu beleuchten, tendiert beim Mittelstand meiner Erfahrung nach nahezu gegen null. Ohne Anlass lässt sich kaum ein Unternehmer von einem Anwalt beraten. Nehmen Sie nur das Kartellrecht: Es ist ja unter vielen mittelständischen Unternehmern immer noch Usus, dass man sich zu Jahresbeginn mal mit den Konkurrenten zusammensetzt. Dabei wird dann besprochen, wer sich bei welcher Ausschreibung bewirbt, manche stimmen sogar ihr Preisverhalten ab. Dass es sich dabei um ein hochgradig kartellrechtswidriges Verhalten handelt, ist den meisten nicht bewusst. Weil das oft schon seit vielen Jahren so geht. Kaum einer geht vorher zum Anwalt und lässt sich insoweit aufklären und beraten.

Welche Folgen müssen Unternehmer hier befürchten?
 

Verstöße dieser Art können durchaus mit einer Geldbuße von fünf Prozent des Jahresbruttoumsatzes geahndet werden kann. Aber: Werden diese Treffen publik, dann schaltet sich neben den Kartellbehörden auch noch die Lokalpresse ein. Da kann es passieren, dass bei dem Unternehmen das Licht ausgeht.

Verlangt der Gesetzgeber nicht von jedem Unternehmen die Einführung eines Compliance-Systems?
 

Die Frage ist nicht, ob ich so ein System brauche oder nicht. Die Rechtsprechung verlangt heute von den Unternehmen, ein Compliance-System zu implementieren und vorzuhalten. Trotzdem ist Prävention bei vielen Mittelständlern völlig unbekannt. Obwohl Verstöße heute im Gegensatz zu früher wirklich existenzbedrohend sind – nicht nur theoretisch, sondern praktisch. Ohne ein solches System kann der Geschäftsführer mit seinem Privatvermögen bis zur Pfändungsfreigrenze haften, und zwar für alles, was in seinem Unternehmen passiert – egal, ob er daran beteiligt war oder nicht, und auch dann, wenn er davon nicht einmal etwas wusste. Und heutzutage kontrolliert ja schon jeder Betriebsprüfer nicht nur die steuerlichen Vorgaben, sondern auch die Einhaltung von Gesetzen.

Wie aufwendig ist die Einführung eines Compliance-Systems?
 

Das variiert natürlich je nach Branche und Betriebsgröße. Aber bei einer Firma mit 150 bis 200 Mitarbeitern dauert es zwischen einem und zwei Monaten. Insgesamt sind Aufwand und Kosten aber übersichtlich.

Und was erfordert die Umsetzung?
 

Sie müssen zunächst rechtliche Grenzen und Risiken ihres Geschäftsverhaltens erkennen und gegebenenfalls anpassen. Im nächsten Schritt legen Sie klare Verhaltensweisen fest und klären Ihre Mitarbeiter auf, was erlaubt ist und was nicht. Dazu gehört zum Beispiel, dass die Angestellten melden, wenn sie Geschenke von Geschäftspartnern erhalten oder welche Richtlinien für Einladungen für Kunden gelten.

Nur etwa ein Prozent der deutschen Unternehmen ist gegen Vertrauensschäden, also finanzielle Schäden, die ihnen ihre Mitarbeiter durch Betrug, Unterschlagung und Ähnliches zufügen, abgesichert. Sind die Deutschen zu gutgläubig?
 

Die Deutschen sind sehr vertrauensgesteuert. In meinen Vorträgen merke ich, dass sich die Teilnehmer mögliche Szenarien gar nicht vorstellen können. Sie können sich beispielsweise nicht vorstellen, von Kollegen oder Mitarbeitern hintergangen zu werden, denen sie täglich begegnen. Hinzu kommt der emotionale Faktor. Man wird ja nicht nur bestohlen, sondern auch persönlich enttäuscht. Zudem muss der Geschäftsführer eigenes Versagen einräumen, weil er kein System geschaffen hat, das dies verhindert. Das wird gern verdrängt.

Was können Unternehmer tun?
 

Alle Prozesse sollten zumindest mit einem Vieraugenprinzip unterlegt werden. Denn je familiärer das Unternehmen geführt ist, desto größer sind der Spielraum des einzelnen Mitarbeiters und seine Kompetenzen. In der Regel ist es dann auch so, dass die meisten Täter erst aufhören, wenn sie entdeckt werden. Ist die Hemmschwelle einmal überschritten, machen sie immer weiter.

 

Zur Person 
Jesko Trahms:

Der Fachanwalt für Strafrecht ist seit April 2015 Partner der Mütze Korsch Rechtsanwaltsgesellschaft in Düsseldorf. Dort ist er insbesondere für die Bereiche Steuer-, Korruptions-, Insolvenz- und Umweltstrafrecht verantwortlich. Zudem hat er sich auf die Beratung und Betreuung von Unternehmen im Bereich der Compliance spezialisiert und leitet als externer Chief Compliance Officer das weltweite Compliance-Management eines großen mittelständischen Unternehmens.

 

Interview: Julia Tschochner und Christian Weishuber; Foto ganz oben: fotolia/thodonal; Fotos Trahms: Oliver Tjaden